Attat Hospital in Äthiopien
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Weiter Weg bis nach Attat                    Foto: © Julia Siegel

»Zusammen wird’s möglich« 
40 Jahre Attat Hospital in Äthiopien


Am Anfang war nichts. Nur ein leeres Schulgebäude, das einem anderen Zweck zugeführt werden sollte. Und ein großes Stück Acker. Gleich hinter der Schotterpiste, mitten im Grünen. Da standen sie und haben die Ärmel hochgekrempelt: Drei Frauen und zehn Männer. Das Abenteuer Afrika begann. Keine wildromantische Safari, sondern eine harte Prüfung. 

Dies geschah 1968 in Attat, einem kleinen Dorf in der Region Gurage - einer der ärmsten Gegenden Äthiopiens. Drei Missionsärztliche Schwestern waren von ihrem Orden dorthin entsandt worden, um aus der ehemaligen Schule eine Krankenstation zu machen. Mit ein paar Matratzen und sehr bescheidenen Mitteln fing alles an. Die Einrichtung entsprach nicht einmal dem Minimalstandard eines Feldlazaretts. Es gehörte viel Mut, Improvisationstalent, Ausdauer, Toleranz und Willensstärke dazu, die Herausforderung anzunehmen. Die Menschen lebten unter einfachsten Bedingungen. Niemand kümmerte sich um sie und ihr Wohlbefinden. Es gab keine Trink- und Abwasserleitungen, keine sanitären Anlagen. Nicht einmal das bei uns seinerzeit noch sehr verbreitete Holzhäuschen mit Herz und dem gemütlichen Plumpsklo. Hygiene, die wichtigste Voraussetzung zur Vermeidung von Infektionen, war praktisch nicht vorhanden.

Sr. Inge Jansen hat das Hospital mit aufgebaut. Sie erinnert sich noch lebhaft an die ersten Patienten. „Es war so schwierig für uns, all ihre Krankheiten zu behandeln wie die schlimmen Tropengeschwüre, Thyphus, Krätze, Augenleiden, Fieber, Läuse, Flöhe ... und vor allem mussten wir uns mit den unzähligen Fliegen herumschlagen.“ Die meisten Patienten konnten mit Salben, Penicillin und Chloramphenicol geheilt werden. „Manchmal hat auch nur ein gründliches Waschen mit Wasser und Seife Wunder gewirkt“, ergänzt Sr. Inge. Oft haben Verwandte ihre schwer kranken Angehörigen von weither bis zum Krankenhaus getragen, wollten aber für die Behandlung nicht bezahlen, weil sie sowieso sterben würden - so war ihre Einstellung bisher. Einen Landarzt, zu dem sie hätten in die Praxis gehen können oder der Hausbesuche machte, gab es nicht. Die überwiegend einkommensschwachen Bewohner blieben mit ihrem Leid sich selbst überlassen. Zunächst galt es Vertrauen aufzubauen und die fremde Anteilnahme als Chance zu begreifen. Doch bald wurde das einzige Krankenhaus in der unendlichen Weite des Guragelandes zum Lichtblick am Horizont. 

„Die Menschen hier sind stolz darauf, dass wir für sie da sind. Sie haben uns und das Krankenhaus sozusagen adoptiert als ihr Eigentum“, erzählt Sr. Inge. Attat ist zu ihrer zweiten Heimat geworden und für sie „eine Mission auf Lebenszeit“. Hier möchte sie bleiben und - wenn es soweit ist - ihre letzte Ruhestätte finden. Trotz diverser Unruhen, Veränderungen und Rückschlägen hat sie ihre Arbeit nie in Frage gestellt. „Wir fühlten, dass unser Hiersein für die Bevölkerung ganz einfach selbstverständlich ist und besonders in schwierigen Zeiten ein Hoffnungsschimmer war. Ihnen ging es ja wirklich schlechter als uns.“ Obwohl die Schwestern  zeitweise nicht so arbeiten konnten wie sie wollten, haben sie keine wirklich negativen Erfahrungen gemacht. „Wir durften einfach da sein -
mit den Menschen bleiben und ein Zeichen setzen.“


Sr. Inge bei den Patienten               Foto: © Julia Siegel

Wenn Hilfesuchende weinen, weil sie die Behandlung nicht bezahlen können, werden sie meist zu Sr. Inge geschickt. Mit ihren 74 Jahren verfügt sie über einen wertvollen Erfahrungsschatz von dem Klinikpersonal und Patienten profitieren. Es ist keine leichte Aufgabe zu entscheiden, ob jemand wirklich mittellos ist. Deshalb berät sie sich in Zweifelsfällen mit ihren Mitarbeitenden. „Von Anfang an haben wir darauf bestanden, dass alle soviel wie möglich für ihre Behandlung bezahlen.“ Die Freude darüber sich auch im Herbst des Lebens noch in den Arbeitsprozess einbringen zu können und gebraucht zu werden, hält Sr. Inge fit. „Anna Dengel, unsere österreichische Gründerin, hat immer wieder betont, dass Attat eine unbedingt wichtige Mission ist. Viele unserer Besucher sehen das genauso und unterstützen uns auf ihre Art und Weise, sodass wir unseren Auftrag erfüllen können.“ Kraft schöpft sie vor allem im Glauben und im Gebet: „Thank you God for giving us life ... right where we are.“

Armut ist nicht gleich Dummheit, sondern eine Folge von Ereignissen, die von den Betroffenen nur wenig oder gar nicht beeinflussbar sind. Sie geraten unverhofft in eine beschämende Situation oder kennen es nicht anders, wenn niemand ihnen erklärt wie sie ihre Lebensumstände verbessern können. So sind die Schwestern auch zu Entwicklungshelfern geworden. Durch Information und Kommunikation haben sie in respektvollem Umgang mit der Bevölkerung neue Wege gefunden - ohne sie zu belehren. „Mit der Zeit haben die Menschen hier selbst viel zu ihrem Fortschritt beigesteuert. Sie tragen Mitverantwortung für ihre Gesundheit, indem sie aktiv bei den verschiedenen Gremien, wie Wasserversorgung, Gesundheitserziehung, Unterricht und so weiter mitarbeiten.

Eltern bringen viele Opfer, um ihren Kindern eine gute Schulbildung zu ermöglichen. Manche sind heute Priester, Ärzte, Lehrer, Krankenschwestern oder -pfleger und haben verantwortungsvolle Posten“, sagt Sr. Inge und fügt hinzu: „So ist meine Hoffnung, dass unsere Arbeit in einigen Jahren ganz von Äthiopiern getan werden kann.“ Besonders stolz ist sie darauf „dass wir so vielen Müttern helfen können eine schwierige Schwangerschaft und Geburt erfolgreich zu überstehen.“   


Sr. Rita (ganz rechts) mit Kolleginnen und Kollegen
Foto: © MMS Attat

1970 kam mit Sr. Dr. Ursula Herzog die erste Ärztin nach Attat. Die Schwestern waren heilfroh, denn vielen Kranken konnten sie ohne ärztlichen Beistand keine Hilfe leisten. Heute leitet Sr. Dr. Rita Schiffer als ärztlicher Direktor das Hospital. Eine grundlegende Weichenstellung in ihrem Leben erfuhr sie während des Medizinstudiums. Zu jener Zeit wurde sie Mitglied der Ordensgemeinschaft Missionsärztliche Schwestern. Damit war auch die Ausrichtung klar: Einsatz für die Menschen am Rande. Als sie dann vor zwölf Jahren ihre Facharztausbildung in Gynäkologie und Geburtshilfe abgeschlossen hatte, stellte sich die Frage wo sie am besten eingesetzt werden könnte. Sr. Ritas Wunsch: Afrika. Was für eine Schicksalsfügung, dass zeitgleich für das Attat Hospital eine Frau mit ihrer Qualifikation gesucht wurde. So stand ihr Wirkungsfeld schnell fest. „Es war eine der besten Entscheidungen in meinem Leben“, bekennt Sr. Rita rückblickend. „Es macht unheimlich viel Freude sich hier einzubringen.“

Über ihren ersten Arbeitstag im Attat Hospital spricht die engagierte Ärztin nicht so gerne. Die Begegnung mit den ungewohnten örtlichen Gegebenheiten gestaltete sich zur voll krassen Ernüchterung. Sie erschrak wie wenig sie sich unter diesen einfachen Umständen zurecht fand. „Ich kam mit so viel gutem Willen zum Helfen an und stellte fest, dass ich in diesem Kontext erst mal gar nichts kann. Eine weitere Ausbildung war fällig“, schildert Sr. Rita die beklemmenden Momente, als sie in ihrem Beruf fast wieder bei Null anfangen musste. Wenigstens ihren Dreijahresvertrag wollte sie durchhalten und nicht vorzeitig aufgeben. „Als ich ohne jedes elektronische Gerät nur mit meinen fünf Sinnen ausgerüstet im Kreissaal stand und entscheiden sollte, ob diese Frau einen Kaiserschnitt braucht oder nicht, fühlte ich mich ziemlich verloren. Es hatte schon etwas Demütigendes, so viel Neues lernen zu müssen oder besser gesagt: andere Methoden, da ich als Fachärztin gekommen war ... aber wenn man dann drin ist, geht es schnell.
Es ist gut die erfahrenen Leute vor Ort zu fragen und den eigenen Stolz zu überwinden. Ich habe gute Anleitung von meiner indischen Mitschwester bekommen. Sie hat mich alles gelehrt, was ich hier brauche - und ich mache so Vieles mehr als ich je in Deutschland könnte und dürfte, vor allem auch in der Notfallchirurgie. Das erste Jahr war echt hart, aber dann ist die Begeisterung gewachsen, weil ich irgendwann wirklich mittragen und beitragen konnte.“ Und obwohl sie schon tausende Geburten aller Art begleitet hat, „bleibt das Erlebnis einer Geburt ein bewegendes Ereignis für mich.“

Die scheinbar zögerliche Entwicklung in Afrika erlebt Sr. Rita derzeit in Äthiopien eher expotential als langsam. „Es werden Riesenschritte in wenigen Jahren gemacht. Kleines Beispiel: Als ich vor zwölf Jahren hier ankam, hatte das Krankenhaus kein Telefon. Fünf Jahre später haben wir ein Funkgerät (Radiosender) bekommen und konnten zweimal am Tag zu einer festgelegten Stunde mit unseren Mitschwestern in Addis Abeba Kontakt aufnehmen. Drei Jahre später wurde eine Art Antennen-Telefon (wireless phone - aber kein Satellitentelefon) eingeführt. Vor zirka einem Jahr wurde uns über diese Einrichtung eine eMail-Verbindung ermöglicht. Mit der kann man zwar nicht im Web surfen, aber um Mails auszutauschen reicht es allemal. Parallel hat sich über die letzten Jahre das Mobiltelefon sehr verbreitet. Überall werden Sendemasten aufgestellt und in absehbarer Zeit werden wir auch hier im ländlichen Raum ein Mobilfunknetz haben“, erklärt sie die aktuelle Situation.

Das Attat Hospital ist längst mehr als nur ein Krankenhaus, das armen Leuten die bestmögliche Behandlung bietet und auch sozial Schwache nicht unversorgt lässt. Es ist in den letzten 40 Jahren zum Hoffnungsträger geworden. Würde und Mitwirkung heißt das Programm, das einheimische Kräfte in den Entscheidungs- und Werdungsprozess mit einbezieht und den Menschen in der Region eine Perspektive gibt. Für die Missionsärztlichen Schwestern konkretisiert sich die „Hilfe zur Selbsthilfe“ in

  • der kontinuierlichen Aus- und Weiterbildung von qualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern
  • durch unser umfassendes Dorfentwicklungsprogramm mit den Aspekten: sauberes Wasser, Frauenprogramm mit Minikreditsystem, Dorfgesundheitsstation, alle Vorsorgeprogramme
  • durch unser „Nebenprojekt“ der schulischen Föderung Kinder armer Familien
  • durch die Arbeitsplätze, die das Krankenhaus schafft (170 Familien mit einem regelmäßigen Einkommen).

Das derzeit größte Problem ist der Platzmangel im Krankenhaus. „Wir haben über die Jahre immer mehr Aktivitäten, Personal und Geräte in die seit 25 Jahren unveränderten Räumlichkeiten reingesteckt. Nun haben wir die Kapazitätsgrenze erreicht. Wir platzen aus den Nähten. Um die qualifizierte Arbeit weiter leisten zu können, müssen wir bauliche Maßnahmen ergreifen“, macht Sr. Rita ihr wichtigstes Anliegen deutlich. Die Pläne des Architektenbüros liegen bereits in der Schublade. Lockere 400.000 Euro wird das Erweiterungsprojekt voraussichtlich kosten. „Da steht uns allen ein Kraftakt bevor, aber einer der sich lohnen wird.“ Der Baubeginn ist für den Herbst, nach der Regenzeit, anvisiert.


Sr. Inge am Krankenbett                   Foto: © Julia Siegel

Zum 40-jährigen Jubiläum haben die Mitarbeitenden
des Attat Hospitals ein treffendes Motto für ihr Projekt entworfen: „Zusammen wird’s möglich“ - das „Haus der Zukunft“, wenn wir gemeinsam daran bauen und über unsere eigenen Probleme die Menschen in Afrika nicht vergessen. (ap)

Der Artikel ist im Infoblatt Februar 2010
des
Deutsch-Äthiopischen Vereins erschienen.

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